Eigentlich wollte ich Fluglotse werden. 

Wirklich! Ich hatte schon ein halbes Jahr Weiterbildung, Gesundheitstests und wiederholte Auswahlverfahren hinter mir. Dann entschied man sich, uns am letzten Tag noch auf Allergien zu testen. Ein paar Stunden später stand ich völlig perplex irgendwo in Hamburg - ohne Job und ohne Idee, was ich jetzt mit meiner Zukunft anfangen sollte. 

 

Der Weg von diesem entgeisterten Moment zu meinem eigenen veganen, umweltbewussten Fair Trade-Label war da noch nicht einmal sichtbar. Die Idee dazu sollte erst Jahre später kommen. Und so Wallstreet-Hollywood-mäßig das alles klingt: diese Jahre hatten typischerweise mit sehr viel schnellem Geld und einer harten Läuterung zu tun. Und mit der Suche nach meinem eigenen Weg in einer viel zu komplexen Welt.

 

Was ich an diesem kalten Herbsttag in Hamburg machte, war so klassisch, wie es verzweifelt war: Ich rief meine Eltern an und bat um Rat. Und kaum, dass ich mich versehen hatte, trug ich Anzug und Krawatte, studierte auf Kosten eines großen Geldhauses BWL und wurde zur Antithese eines gerechten, sozial- wie umweltbewussten Jobs: Bankkaufmann. Ein paar Jahre ging das gut. Ich beriet wohl betuchte Kunden für überzeugende Provisionen. Ich fühlte mich sogar eine Weile sehr wohl dabei, denn ich beriet meine Kunden immer nach bestem Wissen und Gewissen. 

 

Dennoch war es ein Leben wie Jeckyll & Hyde. Tagsüber feiner Zwirn, Cappuccino und schuften schuften schuften. 

Abends Cap, Jogginghose, Musik und Entspannungszigarette. Die erste Schieflage in diese seltsame Balance kam, als ich im Kleingedruckten einiger Finanzprodukte Details fand, die selbst uns Beratern gezielt verschwiegen wurden. Als dann mein Chef zu mir meinte, ich solle nicht beraten, sondern verkaufen, bröckelte die Fassade endgültig. Ende 2014 holte mich der Zwiespalt ein: Burnout, Krankschreibung und Kündigung. Ich wusste, das möchte ich nicht mehr. Ich musste aus diesem Bankjob raus. 

 

In dieser Zeit kam ich langsam wieder zu mir. Und mir wurde klar: Ich möchte endlich etwas machen, hinter dem ich voll und ganz stehen kann. 

Das mich nicht verbiegt. Das mich, mein Lebensgefühl, meine Werte und meine Freunde widerspiegelt. Das weder mich noch andere ausbeutet und betrügt, sondern - wenn auch im kleinen - den Menschen und dieser Welt etwas zurückgibt. Klingt kitschig, nicht wahr? Aber der entscheidende Punkt ist: Es sollte auch einzigartig sein, modern und, ja, stylish. Denn so sehr ich mich spätestens seit meiner Volljährigkeit für politische Alternativen zum Neoliberalismus sowie für Umwelt- und Tierschutz interessierte - meine Liebe zu Fashion schlägt bereits seit meinem zwölften Lebensjahr in mir. Während man als Kind noch viel zu oft Kleidung geschenkt bekam, obwohl man doch lieber ein neues Gameboy-Spiel oder irgendwelche Trading Cards bekommen hätte, so gab man spätestens in der Jugend sein ganzes "Vermögen" für Klamotten aus. Schon damals galt: keine Kompromisse.

 

Anfang 2015 besann ich mich auf diese Leidenschaft und in Vergessenheit geratenen Werte zurück. Wie könnten Kleidung und Accessoires aussehen, die nachhaltig und zugleich super-stylish sind? Klar, die Zeiten der Jutesäcke sind längst vorbei. Mittlerweile waren einige gute Labels aufgetaucht, die mit Biobaumwolle und Tencel gute Schnitte anboten. Aber das ging mir nicht weit genug. 

 

Ich wollte Materialien verwenden, die weitaus effizienter in ihrer Nachhaltigkeit waren. Was liegt da näher als Hanf, zerbrochene Skateboards, verunfallte Autos und nachhaltig bewirtschaftete Hölzer?

Und ich wollte Kleidung und Accessoires entwerfen, die dem Style meiner jungen und querdenkenden Generation entsprachen. 

 

Eines Abends entstand in seeliger Ruhe aus dieser Idee der erste Scribble einer Sonnenbrille. Mein Freundeskreis reagierte dermaßen enthusiastisch auf die stümperhafte Kuli-Skizze, dass ich nicht anders konnte, als genau dort weiter zu machen. Es folgten über gut eineinhalb Jahre eine Vielzahl Muster und Designs, Herstellergespräche und schlaflose Nächte, Tests und Umfragen bei wildfremden Menschen auf der Straße. Das Ergebnis: Mein verwirklichter Traum where Fashion meets Sustainability.

 

Spread Fashion. Spread Love.

Viel Spaß mit Lifetree.

 

Euer Miguel

 

Besonderer Dank gilt:

Dustin Farrell

Geiznering Designs

Jens (Pionerds)